... oder die 80/20 Regel der Künstlichen Intelligenz
Vor ein paar Wochen habe ich mit KI einen Wahrnehmungs-Check gebaut. Ein kleines Online-Tool. Nichts Weltbewegendes. Ein paar Fragen, ein bissl Auswertung, hübsch verpackt. Ich dachte mir: Das probiere ich jetzt aus. Schau‘ ma mal, was daraus wird. 15 Minuten später war das Ding da.
Fünfzehn.
Minuten.
Ich saß vor dem Bildschirm und war beeindruckt. Fast schon ein bissl verliebt. „Das gibt's ja nicht. Früher hätte ich für so etwas Wochen gebraucht. Nein, ich hätte jemanden gebraucht, der mir
das baut – für viel Geld.“ An dieser Stelle hätte die Geschichte eigentlich enden können. Hat sie aber nicht. Denn dann begann der Teil, über den erstaunlich wenige Menschen sprechen.
Der Wahrnehmungs-Check war zwar da. Nur leider noch nicht so, wie ich ihn haben wollte. Die Farben passten nicht zu ABZ*AUSTRIA (das Unternehmen, für das ich das Seminar halten wollte). Die
Fragen waren brauchbar, aber nicht gut genug. Der Ablauf war logisch, aber noch nicht ganz stimmig. Die Auswertung war richtig, aber noch nicht hilfreich. Auf dem Laptop funktionierte alles
wunderbar. Am Handy entwickelte das Tool plötzlich einen sehr eigenen Charakter.
Also wurde nachgebessert. Und getestet. Und wieder nachgebessert. Und wieder getestet. Dann kam Claude mit der freundlichen Mitteilung, dass mein Nutzungslimit erreicht sei. Also wartete ich. Wie
ein Kind vor Weihnachten, nur weniger glamourös.
Ein paar Stunden später durfte ich weitermachen, natürlich mitten in der Nacht. Dreimal dürft ihr raten, wann ich weitergebaut habe. Natürlich habe ich mitten in der Nacht weitergemacht. Ich will
schließlich alle Möglichkeiten auch ausnutzen.
Irgendwann wurde mir klar: Mein größter Irrtum war zu glauben, dass KI mir Zeit spart. Tatsächlich spart sie mir Zeit. Und sie verführt mich gleichzeitig dazu, die gewonnene Zeit sofort wieder in
bessere Qualität zu investieren. Das Ergebnis wird besser, mehr Infotainment, interessantere Grafiken, spannendere Übungen, …
Nur nicht unbedingt früher fertig.
KI kann vieles, aber…
Nach einigen Monaten mit KI ist mir noch etwas aufgefallen. KI kann vieles.
- Sie kann Übungen entwickeln.
- Sie kann Methoden vorschlagen.
- Sie kann Quizfragen schreiben.
- Sie kann Seminarabläufe entwerfen.
- Sie kann blitzschnell Handouts schreiben.
- Sie kann Gruppenarbeiten planen.
- Sie kann sogar ganze Workshops zusammenstellen.
- ...
Das Problem ist nur: Sie weiß nicht, ob das alles auch funktioniert.
Ich habe testweise schon Seminarabläufe erstellen lassen. Die Ergebnisse sind manchmal erstaunlich gut. Zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick tauchen dann Fragen auf.
- Passt diese Übung wirklich zu dieser Zielgruppe?
- Ist die Methode für eine Gruppe mit 25 Personen geeignet?
- Funktioniert das auch online?
- Ist die Aufgabenstellung verständlich genug?
Und vor allem:
Wie lange dauert das Ganze tatsächlich?
Gerade bei Zeitangaben zeigt sich regelmäßig ein Phänomen, das mich mittlerweile nicht mehr überrascht. Die KI plant eine Gruppenarbeit für zehn Minuten. Die Realität plant dafür zwanzig. Und
wenn die Gruppe gerade mitten in einer spannenden Diskussion steckt, werden daraus auch schnell dreißig. Menschen halten sich erstaunlich selten an KI-Zeitpläne.
Zum Glück.
Denn Lernen passiert nicht auf Knopfdruck. Lernen passiert dort, wo Menschen diskutieren, nachdenken, ausprobieren, scheitern, neu ansetzen und manchmal völlig andere Fragen stellen als jene, die
ursprünglich geplant waren. Genau deshalb kann KI kein gutes Training retten. Ein Training wird nicht dadurch gut, dass jemand möglichst viele Methoden kennt. Es wird gut, weil jemand entscheiden
kann, welche Methode jetzt gerade sinnvoll ist. Für genau diese Menschen. In genau dieser Situation.
KI hat viele Ideen. Erfahrung hat ein Gefühl dafür, welche davon tatsächlich funktionieren. Und dieses Gefühl entsteht nicht durch Prompts. Es entsteht durch Gruppen, durch
Erfahrungen,durch gelungene Workshops. Und manchmal auch durch jene Seminare, bei denen man sich hinterher denkt: „Gut. Das machen wir beim nächsten Mal anders.“
Je länger ich mit KI arbeite, desto stärker wird deshalb ein scheinbarer Widerspruch:
Die KI wird immer besser.
Und gleichzeitig wird meine Erfahrung immer wertvoller.
Von der leeren Seite zu 20 Ideen
Das bedeutet allerdings nicht, dass KI für Trainer:innen wenig bringt. Ganz im Gegenteil. Ich habe selten ein Werkzeug erlebt, das meine Arbeit in so kurzer Zeit so stark verändert hat.
Früher saß ich oft vor dem berühmten weißen Blatt Papier. Heute sitze ich vor 20 Ideen. Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied. Ist es aber nicht. Denn zwischen „Ich habe keine Idee.“
und „Ich habe 20 Ideen und suche die besten drei aus.“ liegen Welten. KI hilft mir heute zum Beispiel bei:
- ersten Ideen für Übungen
- Varianten für Gruppenarbeiten
- Quizfragen
- Transferaufgaben
- Formulierungen
- Visualisierungen
- Metaphern und Vergleichen
- Seminarabläufen
- Workshop-Designs
- Prototypen für Online-Tools
- Übungsfälle (oh mein Gott, bin ich da dankbar für die KI, das war bisher immer sooo aufwändig, sich gute Übungsfälle auszudenken. Jetzt: in 3 Minuten habe ich so viele ich will…)
Gerade bei kreativen Aufgaben ist das ein enormer Vorteil. Nicht weil die KI automatisch die beste Lösung liefert, sondern weil sie Denkbewegung erzeugt.
Manchmal ist die erste Idee der KI gut, manchmal ist sie völlig daneben. Und manchmal passiert etwas viel Interessanteres: Ich lese einen Vorschlag und denke sofort: „Nein. So sicher nicht.“ Und
genau in diesem Moment weiß ich plötzlich, wie ich es stattdessen machen möchte. Auch das ist ein wertvoller Beitrag. KI als Sparringpartner.
Die KI muss nicht immer recht haben. Manchmal reicht es völlig, wenn sie mich auf eine Idee bringt. Trotzdem gibt es einen Bereich, in dem ich heute deutlich mehr Zeit verbringe als früher.
Nämlich bei der Auswahl.
Früher hatte ich oft einige wenige Möglichkeiten im Kopf. Heute habe ich manchmal zu viele. Und ausgerechnet dort beginnt wieder die eigentliche Arbeit. Welche Übung ist wirklich passend? Welche
Metapher funktioniert? Welche Grafik unterstützt den Inhalt? Welche Idee ist originell? Und welche klingt nur deshalb gut, weil sie von einer KI formuliert wurde?
Je länger ich mit KI arbeite, desto mehr komme ich zu einem überraschenden Schluss: Die eigentliche Zeitersparnis entsteht nicht dadurch, dass die KI für mich denkt. Sie entsteht dadurch,
dass ich schneller bessere Rohfassungen bekomme. Denken muss ich trotzdem selbst. Zum Glück. Denn genau dafür werde ich als Trainerin bezahlt.
Die 80/20 Regel der KI oder wo die eigentliche Arbeit erst beginnt.
Und damit sind wir wieder bei meinem Wahrnehmungs-Check. Eigentlich ist er das perfekte Beispiel für das, was ich mittlerweile die 80/20-Regel der KI nenne. Die ersten 80 Prozent waren unglaublich schnell erledigt. Die Grundidee war da. Die Fragen waren da. Die Auswertung war da. Die Technik funktionierte. Ich hatte nach wenigen Minuten ein Ergebnis, das vor ein paar Jahren noch außerhalb meiner Möglichkeiten gelegen wäre.
Denn ich kann keine einzige Zeile Code schreiben. Wirklich keine. Wenn man mich bitten würde, eine Programmiersprache von einer exotischen Käsesorte zu unterscheiden, wäre ich mir nicht in jedem
Fall sicher. Trotzdem habe ich inzwischen mehrere Online-Tools entwickelt. Nicht weil ich plötzlich programmieren gelernt hätte. Sondern weil KI mittlerweile zwischen meiner Idee und der
technischen Umsetzung übersetzen kann.
Das ist beeindruckend. Und gleichzeitig beginnt genau dort der zweite Teil der Geschichte. Denn die ersten 80 Prozent sind selten das eigentliche Ziel. Sie sind der Rohdiamant. Geschliffen werden
muss er trotzdem. Die Farben mussten angepasst werden. Die Fragen verbessert. Die Auswertung verständlicher werden. Der Ablauf musste mehrfach überarbeitet werden.
Dann kam die Frage: Verstehen die Teilnehmenden überhaupt, was sie tun sollen?
Dann: Ist das Ergebnis hilfreich genug?
Ist das Ergebnis interessant genug?
Ist es auch am Handy gut nutzbar?
Und plötzlich sitzt man wieder da. Nicht mehr als Entwickler:in. Nicht mehr als Programmierer:in. Sondern als Gestalter:in. Als Trainer:in. Als Mensch mit einer bestimmten Zielgruppe im Kopf.
Genau dort entstehen die letzten (aufwändigen) 20 Prozent.
Und genau diese letzten 20 Prozent machen den Unterschied zwischen: „Das funktioniert.“ und „Das ist wirklich gut.“
Zwischen: „Das ist ein KI-Ergebnis.“ und „Das ist mein Ergebnis.“
Vielleicht ist das sogar die größte Veränderung, die KI in meine Arbeit gebracht hat. Früher war die technische Umsetzung oft die größte Hürde. Heute ist die technische Umsetzung erstaunlich oft der einfachste Teil. Die eigentliche Arbeit liegt inzwischen woanders: bei den Entscheidungen.
Und ich halte das für eine gute Nachricht. Denn Entscheidungen, Haltung, Erfahrung und das Gespür für Menschen sind genau jene Bereiche, in denen wir Trainer:innen auch in Zukunft ziemlich schwer
zu ersetzen sein werden.
Dort, wo Texte aufhören
Noch etwas hat mich überrascht. Nicht, was KI alles kann, sondern wie wenig davon tatsächlich genutzt wird. Wenn ich mit Menschen über KI spreche, landet das Gespräch erstaunlich schnell bei Texten.
Texte schreiben.
Texte verbessern.
Texte zusammenfassen.
Texte übersetzen.
Das ist natürlich praktisch. Aber es erinnert mich ein wenig an jemanden, der ein Schweizer Taschenmesser besitzt und ausschließlich den Zahnstocher verwendet. Der Zahnstocher ist nicht schlecht.
Aber da wäre noch ein bissl mehr drin.
Oder anders gesagt: Viele Menschen nutzen einen erstaunlich kleinen Teil dessen, was KI mittlerweile leisten kann. Das ist völlig verständlich. Wir lernen alle gerade, und die
Entwicklung überholt uns auch immer wieder, so schnell wie sie ist.
Dennoch. Mich überrascht immer wieder, wie schnell wir KI auf die Rolle einer besseren Schreibassistenz reduzieren.
Dabei wird es für mich gerade dort spannend, wo Texte aufhören. Als Trainerin denke ich schließlich selten in Texten.
- Ich denke in Erlebnissen.
- In Übungen.
- In Bildern.
- In Interaktionen.
- In AHA-Momenten.
- In Situationen, in denen Menschen plötzlich etwas erkennen, das sie vorher nicht gesehen haben.
Und genau dort wird KI für mich interessant. Nicht weil sie das Lernen übernimmt, sondern weil sie hilft, Ideen sichtbar zu machen. Manchmal beginnt alles mit einer kleinen Frage: „Könnte man das als Online-Tool bauen?“ Früher wäre die Antwort meistens gewesen: „Theoretisch schon. Praktisch eher nicht. Zu teuer. Keine Ahnung wie, …“
Heute lautet die Antwort oft: „Probieren wir es aus.“ Und plötzlich entstehen Dinge, die ich vor zwei Jahren, ja vor 6 Monaten, nicht einmal in Erwägung gezogen hätte.
- Mein Meetingkosten-Rechner. (mein erstes selbst gecodetes Tool übrigens).
- Ein Reaktions-Trainer für schwierige Aussagen.
- Interaktive Lernspiele.
- Online-Übungen.
- Reflexions-Tools.
- Systemgrafiken und Plakate
- Kleine Anwendungen, die Menschen beim Lernen unterstützen.
Nicht perfekt und nicht immer auf Anhieb, aber real.
Das Faszinierende daran: Ich habe dafür keine Programmiersprache gelernt, ich habe keine Informatik-Ausbildung. Und ich kann noch immer keine einzige Zeile Code schreiben. Zumindest keine, die
ich verstehe. Wenn mir jemand einen Programmcode zeigt, schaue ich ungefähr so intelligent drein wie mein Hund, wenn ich ihm erkläre, wie die Einkommensteuer funktioniert.
Trotzdem entstehen Werkzeuge. Nicht weil die Technik plötzlich einfacher geworden wäre, sondern weil die Hürde zwischen Idee und Umsetzung dramatisch kleiner geworden ist. Und genau darin sehe
ich eines der größten Potenziale von KI. Nicht, dass wir schneller Texte schreiben, sondern dass plötzlich Menschen Dinge bauen können, die früher außerhalb ihrer Reichweite lagen.
Trainer:innen. Berater:innen. Pädagog:innen. Vereinsfunktionär:innen. Kreative Menschen. Menschen mit Ideen.
Menschen, die früher gesagt hätten: „Das würde ich gerne machen. Aber ich habe keine Ahnung, wie das technisch gehen soll.“ Heute lautet die Antwort immer öfter: „Vielleicht weiß ich es
noch nicht. Aber vielleicht finde ich es gemeinsam mit der KI heraus.“
Und ehrlich gesagt: Das finde ich deutlich spannender als den hundertsten LinkedIn-Post.
Möglichkeitsräume
Vielleicht ist das am Ende meine wichtigste Erkenntnis aus den letzten Monaten.
KI macht nicht alles einfacher.
KI macht nicht alles schneller.
Sie macht schlechte Trainer:innen nicht zu Trainings-Stars.
Und sie macht gute Trainer:innen auch nicht überflüssig.
KI erweitert den Möglichkeitsraum.
Plötzlich können Menschen Dinge ausprobieren, die früher an Technik, Budget oder fehlendem Spezialwissen gescheitert wären. Nicht jede Idee wird dadurch besser und nicht jedes Tool wird ein
Volltreffer. Aber mehr Ideen schaffen den Sprung aus dem Kopf in die Realität. Und das ist für jemanden wie mich, die gerne ausprobiert, entwickelt und Menschen beim Lernen
unterstützt, vielleicht die spannendste Veränderung überhaupt.
KI ersetzt meine Erfahrung nicht, sie ersetzt mein Gespür für Menschen nicht. Sie ersetzt mein Verständnis für Gruppen nicht, aber sie hilft mir dabei, gute Ideen schneller sichtbar zu machen.
Und manchmal ist genau das der Unterschied zwischen: „Das wäre eigentlich eine spannende Idee.“ Und „Schau, ich habe es ausprobiert.“
Vielleicht ist das genau der Grund, warum mich KI derzeit so fasziniert. Nicht weil sie Menschen ersetzt. Sondern weil sie Menschen handlungsfähiger macht. Gute Ideen gab es immer schon. Heute
scheitern sie nur etwas seltener an Technik, Budget oder fehlendem Spezialwissen. Und das eröffnet Möglichkeiten, die es vor wenigen Jahren schlicht nicht gab.
Transparenzhinweis
Die KI hat die ersten 80 Prozent dieses Beitrags deutlich beschleunigt. Die letzten 20 Prozent haben wie immer den Großteil der Zeit gebraucht. Die Verantwortung für Inhalt, Haltung und sämtliche fragwürdigen Formulierungen oder auch Grafiken liegen weiterhin bei mir.
