Wie wir mit KI lernen, besser zu denken, statt nur schneller fertig zu werden.
Neulich wollte ich mit KI eine kleine Reflexionsübung bauen, als WebApp. Nichts Weltbewegendes. Ein paar Fragen, eine Auswertung, hübsch verpackt.
Erster Versuch: sah großartig aus.
Zweiter Blick: die Auswertung behauptete Dinge, die mit den Antworten ungefähr so viel zu tun hatten wie ein Horoskop mit der Wirklichkeit. Am Laptop lief alles tadellos. Am Handy verabschiedete sich das Layout. Nicht höflich mit Handschlag, sondern einfach so, mitten im Satz, wie ein Gast, der „bin gleich wieder da“ sagt und dann nie wiederkommt.
Früher hätte ich an dieser Stelle gedacht: „Na super, kaputt.“ Heute denke ich: „Gut, jetzt fängt die Arbeit an.“
Denn ein Fehler ist beim Arbeiten mit KI keine Panne. Er ist das Material, mit dem ich weiterarbeite. Sozusagen der Rohteig. Schiach noch, aber da geht was.
Der erste Versuch ist nie das Ziel
Wer mit KI arbeitet, bekommt in wenigen Minuten eine Rohfassung. Und eine Rohfassung ist per Definition noch nicht fertig. Der Fehler ist also nicht die Ausnahme, er ist der ganz normale erste Zustand. Das klingt unspektakulär, ändert aber die ganze Stimmung.
Die spannende Frage ist nämlich nicht: „Wie vermeide ich Fehler?“ Die spannende Frage ist: „Wie gehe ich gut mit ihnen um?“
Und genau da fühle ich mich verdächtig wohl. Ich arbeite seit über 25 Jahren mit Gruppen, Teams und Trainer:innen, und mein Lieblingsthema ist Fehlerkultur. Lachen statt verstecken. Ausprobieren
statt erstarren. Aus jedem Versprecher eine Pointe machen. Mit KI darf ich diese Haltung jetzt täglich üben. Der angenehme Unterschied: Mein Gegenüber ist kein nervöses Teammitglied, sondern ein
Sprachmodell, das nie eingeschnappt ist, wenn ich sage „Nein, so sicher nicht“. Sowas hätte ich mir in mancher Teambesprechung auch gewünscht.
Schrittweise statt alles auf einmal
Mein wichtigstes Prinzip ist fast schon peinlich banal: Ich mache nie alles auf einmal.
Ich sage nicht „Bau mir ein komplettes Seminar“ und lehne mich dann mit Kaffee zurück. Ich nehme einen Schritt, schaue ihn an, justiere nach, dann den nächsten. Erst die Grundidee. Dann die
Fragen. Dann die Auswertung. Dann das Aussehen. Dann der Handy-Test, bei dem ohnehin wieder die Hälfte zerbröselt wie ein zu trockener Keks. Das hat drei handfeste Gründe.
- Erstens bleiben kleine Schritte überschaubar. Wenn etwas schiefgeht, weiß ich sofort, wo. Ein Fehler in einem kleinen Baustein ist schnell gefunden. Ein Fehler in einem riesigen, auf einen Schlag generierten Konstrukt ist eine Schnitzeljagd ohne Schnitzel.
- Zweitens behalte ich die Steuerung. Die KI liefert mir nicht das fertige Ergebnis, das ich dann brav abnicke. Ich entscheide nach jedem Schritt, ob die Richtung passt.
- Drittens merke ich früh, wenn es kippt. Sprachmodelle driften gern ab. Plötzlich formulieren sie glatt und generisch, oder sie bauen eine Logik ein, die hübsch aussieht und inhaltlich im Eck steht. Wer in kleinen Schritten arbeitet, erwischt das, bevor es sich durchs ganze Projekt zieht wie ein Rotweinfleck durchs Tischtuch.
Im Grunde ist das wie in meiner Küche. Ich kippe auch nicht alle Zutaten gleichzeitig in den Topf und hoffe auf ein Wunder. Ich koste zwischendurch. Genau das mache ich mit KI auch. Zwischendurch kosten, nachsalzen, weitermachen. Nur dass mir die KI seltener den Topf anbrennt.
KI ist kein Automat, sondern ein Hin und Her
Viele stellen sich die Arbeit mit KI wie einen Getränkeautomaten vor: oben Prompt rein, unten fällt das fertige Ergebnis raus, klong. Bei mir funktioniert das anders: es ist ein Gespräch.
Ich sage, was mir nicht passt. Die KI liefert nach. Ich schärfe. Sie verfeinert. Manchmal kommt ein Vorschlag, der so was von daneben ist, dass ich im selben Moment ganz genau weiß, wie ich es
stattdessen haben will. Auch das ist hilfreich. Die KI muss gar nicht recht haben. Manchmal reicht es völlig, dass sie mich auf eine Idee bringt, und sei es durch das herzhafte innere „Um Gottes
willen, nein.“
Diese Interaktivität ist der eigentliche Trick. Ich arbeite mit der KI, nicht mit einem fertigen Produkt von ihr. Sie ist meine Sparringpartnerin, nicht meine Ersatztrainerin. Und im Gegensatz zu
mir wird sie um drei Uhr früh nicht müde. Im Gegensatz zu ihr merke ich dafür, wann eine Übung im echten Raum funktioniert. Unentschieden, würde ich sagen.
So bessere ich Fehler tatsächlich aus (mein Fünf-Schritte-Tanz)
Wenn etwas nicht passt, läuft bei mir fast immer dieselbe kleine Choreografie ab.
Schritt 1: Benennen, was nicht passt. Nicht „das ist schlecht“, sondern „die Auswertung passt nicht zu den Antworten“. Je genauer ich das Problem beschreibe, desto weniger muss
die KI raten.
Schritt 2: Sagen, was ich STATTDESSEN will. Das ist der wichtigste Schritt, und der, den die meisten überspringen. Ich formuliere positiv. Denn die KI überhört ein „mach das
nicht so wirr“ ungefähr so zuverlässig wie wir Menschen. Sag einem Menschen „Denk jetzt bloß nicht an einen rosa Elefanten“, und rate mal, wer sofort im Raum steht, rosa und
riesig. Also sage ich, was ich haben will: „Ich will eine Auswertung in zwei klaren Sätzen, die sofort sagt, was rauskommt.“ Plötzlich verstehen wir uns.
Schritt 3: Testen und nachbessern, indem ich frage und bitte. Ich frage nach, ich probiere, ich bitte um Änderung, ich schick auch Screenshots. Ein Bild sagt der KI oft mehr als
mein dritter tapferer Erklärversuch. Und ja, zu meiner Schande: Manchmal beschimpfe ich die KI auch ein bissl. Sie nimmt es mit stoischer Gelassenheit, das muss man ihr lassen. Beleidigt ist sie
nie, nachtragend auch nicht. Wäre als Kollegin fast unheimlich.
Schritt 4: Wieder testen, wieder nachbessern, wieder fragen. Und dann nochmal. Die Schleife ist kein Zeichen, dass etwas schiefläuft. Die Schleife ist die Arbeit. Gute Sachen
brauchen mehrere Runden, das war bei Seminaren, Texten und Tools schon immer so. KI macht die Runden nur schneller, nicht überflüssig.
Schritt 5: Bis ich zufrieden bin. Und dann sage ich DANKE. Ehrlich, mit Ausrufezeichen. Nicht weil die KI gekränkt wäre, wenn ich es nicht täte. Sondern weil es MIR guttut.
Ich feiere gute Ergebnisse, auch die kleinen. Wer nur das Misslungene anschaut, wird grantig und müde. Wer gelungene Momente kurz würdigt, bleibt neugierig und bei Laune. Das
gilt im Training, im Team, und siehe da, sogar im Umgang mit einer Maschine.
Frustrationstoleranz gehört dazu, und das nicht zu knapp...
Ich will nichts schönreden. Das kann auch echt zaaach werden. (zaaaach = österreichisch für echt zäh und anstrengend 😉)
Manchmal repariert die KI eine Stelle und bricht mit derselben Begeisterung gleich eine andere. Manchmal kommt mitten in der Nacht die freundliche Mitteilung, dass mein Nutzungslimit erreicht
ist, natürlich genau dann, wenn es gerade richtig gut läuft. (Grrrrrmlrr!) Und manchmal sitze ich da und denke: „Das hätte ich zu Fuß auch schon geschafft, und dabei weniger geflucht.“
Dann hilft genau das, was ich in meinen Trainings predige: durchatmen, dranbleiben, weitermachen. Frustrationstoleranz ist keine charmante Zusatzeigenschaft fürs Beiwerk. Sie ist die
Eintrittskarte.
Und hier wird es spannend. Lernen war noch nie ein Knopfdruck. Menschen lernen, indem sie probieren, scheitern, neu ansetzen und manchmal ganz andere Fragen stellen als geplant. Genau dieser
Prozess passiert beim Arbeiten mit KI im Schnelldurchlauf, nur viel sichtbarer. Wer das aushält, übt nebenbei eine Kompetenz, die im echten Leben Gold wert ist. Quasi Krafttraining für die
Geduld, nur ohne Hanteln und Schwitzen.
Ja, es kostet Zeit. Und ja, die Qualität steigt.
Den größten Irrtum über KI habe ich an anderer Stelle schon ausführlich beschrieben: dass sie mir einfach Zeit spart. Tut sie. Und verführt mich im selben Atemzug dazu, die gewonnene Zeit sofort wieder in bessere Qualität zu stecken. So bin ich halt.
Das ist kein Widerspruch, das ist der Punkt. Die letzten Prozent, das Auswählen, Verfeinern, Stimmigmachen, kosten am meisten. Aber genau dort entsteht der Unterschied zwischen „funktioniert“ und
„ist wirklich gut“. Zwischen „ein KI-Ergebnis“ und „mein Ergebnis“. Und ich will immer MEIN Ergebnis haben.
Worum es eigentlich geht
Wer so mit KI arbeitet, in kleinen Schritten, im Dialog, mit Fehlern als Wegweiser, übt genau die Haltung, die gute Lernende, gute Teams und gute Führungskräfte ohnehin brauchen. Fehler aushalten. Dranbleiben. Neugierig bleiben. In kleinen Schritten besser werden. Und zwischendurch das Gelungene feiern, bevor man weiterhetzt.
Das ist keine Technikkompetenz. Das ist Lernkompetenz.
Und die wird wertvoller denn je, weil wir alle gerade gleichzeitig anfangen und die Entwicklung uns im Wochentakt überholt.
KI nimmt mir die Erfahrung nicht ab. Sie nimmt mir das Gespür für Menschen nicht ab. Aber sie lädt mich täglich ein, das zu üben, was ich anderen beibringe: dass ein Fehler kein Drama ist,
sondern der Anfang von etwas Brauchbarem.
Genau darum geht es auch in meiner Arbeit mit Gruppen, Teams und Menschen auf Bühnen, in Trainings und in Präsentationen: nicht perfekt funktionieren, sondern wach, witzig und wirksam reagieren.
Wach. Witzig. Wirksam. Funktioniert offenbar auch mit Maschinen. Wer hätte das gedacht.
